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Berge

Last updated: 12.06.2003

Vielleicht fühlt sich der eine oder andere Leser von diesem Bericht angesprochen. Wir, meine Frau und ich, sind nicht mehr im Alpenverein , plaudern aber trotzdem gerne über Bergwandern oder über Touren von Hütte zu Hütte.

Zwei Spätsommertage in den Bergen ...


Zwei Tage im Kaisergebirge"Hoher Luftdruck über dem Alpenraum bestimmt weiterhin unser Wetter ..." verspricht der ORF und ein Blick nach draußen bestätigt die Vorhersage. Klar zeichnen sich die Felsspitzen des Zahmen Kaisergebirges gegen den dunkelblauen Abendhimmel ab, in dem noch ein zerfaserter Kondensstreifen schwach im Licht der längst untergegangenen Sonne leuchtet. Wir, meine Frau und ich, haben noch zwei Urlaubstage zu verbraten, bevor es dann wieder Richtung Norden geht. Der Entschluß ist schnell gefaßt. Ein längerer Blick in die Karte Nr. 8 des Deutschen Alpenvereins, und noch am selben Abend ist eine Tour mit einer Hüttenübernachtung ausgearbeitet. Der Inhalt der beiden Rucksäcke wird kurz überprüft, Trekkingstiefel und Teleskopstöcke stehen daneben. Alles drin, alles dran? Trinkflasche, Sonnenschutz, Baseballkäppi, trockene Wäsche für die Hütte, Regenbekleidung, Fleece und Anorak, Hüttenschlaf- und Biwaksack, Miniapothkeke und, und ..... Seit Jahren versuche ich das Gewicht des Rucksacks unter 10 Kilo zu drücken - unmöglich! Wenn ich dann aber die "Puristen" mit dem "kleinen Marschgepäck" verschwitzt und frierend auf einem zugigen Joch beobachte, dann trage ich lieber mein Päckchen.

Nach einem reichlichen Frühstück, für eine Bergtour reichlich spät, stiefeln wir durch den Frühnebel, am Walchsee entlang, in Richtung Habersautal. Wir steuern das Stripsenjochhaus (1577 m) an, eine wunderschön gelegene Hütte des Östereichischen Alpenvereins, mitten drin im Felspanorama des Wilden Kaisers. Doch vorerst ist nichts davon zu sehen, nur feuchtes Grau umgibt uns. "Echte" Bergwanderer gehen im Sommer schon um 4 Uhr morgens los und versuchen ihr Ziel noch vor, spätestens aber bei Sonnenaufgang zu erreichen. Wir halten uns diesmal nicht an die bewährte Regel, sondern schlendern gemütlich auf breitem Fahrweg, immer leicht ansteigend, vom Rauschen des nahen Weißenbachs begleitet, taleinwärts. Wir haben den ganzen Tag Zeit, nichts drängt uns, keine Menschenseele weit und breit. Nach zwei Stunden stehen wir über dem Nebel, genießen Wärme und den Rückblick talauswärts gleichermaßen. Wuschelohrige Almkühe beobachten uns widerkäuend bei unserer ersten längeren Pause. Hinter der Feldalm (1300 m) verliert sich dann der breite Weg, wir steigen weglos über Almböden auf den Feldalmsattel (1433 m). Hier treffen die Wege von der Vorderkaiserfeldenhütte und ein Alternativaufstieg von Walchsee über die Gwirchtalm zusammen. Gut 150 Höhenmeter haben wir noch zu steigen, dann ist endlich die Hüttenhöhe, das Stripsenjochhaus selbst aber noch nicht erreicht. Ein idealer Rastplatz! Wie auf Kommando fliegen zwei Dohlen heran, mit ihren lauten Schreien noch mehr Artgenossen anlockend. Hautnah von den gierigen, schwarzen Flugkünstlern umgeben, sitzen wir nun im warmen Gras, drücken unsere Schweißbänder aus, vertilgen einen Energiebarren, leeren die Trinkflaschen und lehnen uns zurück. Wir können uns nicht satt sehen in der klaren Herbstluft! Lohn der Anstrengung. Ich verstehe die Menschen, die es immer wieder die Berge zieht. Nach einer guten Stunde reißen wir uns endlich los und erreichen kurze Zeit später, ein paar Latschen durchquerend und ohne Höhenverlust das Stripsenjochhaus. Jetzt, um zwei Uhr nachmittags, sind so gut wie alle Plätze auf der Terrasse mit Tagesgästen belegt, die sich an einem "Radler" festhalten und die Sonne genießen, bevor sie runter in die Grießner Alm oder den weiten Weg durch das Kaisertal nach Kufstein antreten. Wir fragen den Hüttenwirt nach einem "Bett" für die Nacht und haben das Glück, zwei der dreiundsechzig vorhandenen zu ergattern. Wieder mal den Hüttenschlafsack umsonst geschleppt. Macht nix. Zum besseren Verständnis: Es gibt in den meisten Hütten drei Kategorien an Übernachtungsmöglichkeiten. Kammern mit meist zwei oder vier Betten, richtig bezogen mit Kopfkissen, Zu- und Wolldecke. Oder Lager, und wenn's ganz voll ist, auch Notlager. So eine Nacht(wache) auf einem Lager, eng zusammengepfercht mit bis zu dreißig bierdünstelnden, blähenden Schnarchern ist oftmals härter als der Tag, den man hinter sich hat. Wehe dem, der hier nicht als erster einschläft, kein Oropax dabei hat oder zwischendurch wieder aufwacht! Nicht erstrebenswert also, eine Nacht auf dem Lager. Um so größer unsere Freude über die Kammer für uns alleine! Rucksäcke ab, wir schauen uns zufrieden an: "Wollen wir noch?" mit einem Blick nach oben zum Stripsenkopf (1810 m), dem Hüttenberg. Unbeschwert ohne Rucksack, nur mit Fernglas und Fotoapparat ausgerüstet und einer Windjacke um die Hüfte geschlungen, steigen wir in 45 Minuten den steilen Steig rauf und werden wiederum belohnt mit einer Aussicht, wie sie schöner nicht sein kann: Der helle, feste Kalkstein des Totenkirchl, Fleischbank und Predigtstuhl gegenüber, die sonnenbeleuchteten Loferer- und Leoganger Steinberge zum Greifen nahe, ein Blick nach Norden zeigt die Pyramidenspitze, weit ins Inntal hinaus und in die Bayrischen Voralpen reicht der Blick. Und tief im Halbschatten des Kaiserbachtals liegt die Grießneralm. Vom Gipfel des Stripsenkopf ist unter uns gut zu verfolgen, wo es morgen weitergehen soll: Der "Eggersteig" durch die "Steinerne Rinne". Auf dem Abstieg zur Hütte beobachten wir noch eine bayrisch sprechende Familie an einem Kletterübungsfelsen. Muttern liegt am Wandfuß in der Sonne, der Vater turnt angeseilt mit seiner ca. 13-jährigen Tochter hoch oben im Fels herum und erklärt ihr geduldig wie ein Standplatz eingerichtet wird, die Sicherungsmöglichkeiten beim Klettern und die Technik des Abseilens. Kurzum, sie üben gemeinsam. Ich bin irgendwie berührt: Es gibt sie noch, die Eltern, die ihren Kindern statt Fernseher und Nintendo etwas viel kostbareres schenken: Ihre Zeit! Nochmals werden wir überrascht von den Annehmlichkeiten der Hütte: Warmes(!) Wasser zum Waschen. Der reine Luxus! Nach dem Abendessen sitzen wir mit sonnengeröteten Wangen bei Rotwein in der holzgetäfelten Stube und unterhalten uns angeregt mit einem bergbegeisterten Paar aus Hannover, das auf einem andern Weg von Walchsee aufgestiegen ist, im Gegensatz zu uns aber noch zwei Wochen Urlaub vor sich hat. Müde verziehen wir uns später in unsere Kammer. Reichlich frisch, jetzt nach Sonnenuntergang. Ein strammer Wind fegt aus dem Kaisertal übers Joch.

Obwohl es erst ab halbacht Frühstück gibt, werden wir weit vorher von dem Hin- und Hergerenne unruhiger Bergfexe vor der Türe geweckt. Zu sehen gibt es vorerst nicht viel, ein starker Wind wirbelt den Nebel durch, ohne ihn zu vertreiben. Mit leicht muskelverkaterten Beinen sitzen wir beim Frühstück, füllen den restlichen Tee in die Flaschen und schmieren die Brote für unterwegs. Beeilen brauchen wir uns nicht, weil der Nebel sich nach meiner Einschätzung nicht vor Mittag auflösen wird. Trotzdem tragen wir uns im Hüttenbuch aus, schultern die Rucksäcke und stapfen los. Gut hundert Höhenmeter tiefer zweigt unser Steig ab, windet sich drahtseilversichert auf einem Felsband in die "Steinerne Rinne", dem wohl beeindruckendsten Felsszenario in den Nördlichen Kalkalpen. Steil, aber immer gut gestuft und versichert, führt hier der Steig bergauf, gesäumt von den senkrecht abfallenden Wänden des Predigtstuhl und Fleischbank. Ein starkes Echo wirft Wortfetzen von Bergsteigern weiter oben zwischen den Wänden hin und her. Heute gibt's bestimmt noch mehr zu beobachten außer den Gemsen, die sich hier im Fels wohl fühlen. Sie sind überhaupt nicht scheu und haben sich inzwischen an die Menschenmassen gewöhnt, die sich im Sommer täglich an ihnen vorbei auf das "Ellmauer Tor" quälen. Ob sie auch satt werden von den wenigen Grasbüscheln die sich in dieser Steinwüste verlieren? Jeder Schritt bringt uns höher hinauf, die Rinne ist im oberen Teil nicht mehr ganz so steil und so sitzen wir nach gut drei Stunden kurz unterhalb des "Ellmauer Tor" in einer windgeschützten Felswanne - und frieren. An einem wunderschönen Spätsommertag in 2000 Meter Höhe! Wir tauschen schnell die verschwitzten Sachen gegen trockene aus, ziehen den Anorak drüber und schon ist die Welt wieder in Ordnung. Wer hier aus gewichtsgründen außer T-Shirt und Shorts nichts dabei hat ...

Aus der Pause wird eine Zwangspause, weil der Nebel die Gipfel immer noch verhängt. Wir haben uns vorgenommen, die etwa 200 Meter höher gelegene "Hintere Goinger Halt" zu besteigen. Unser Warten wird belohnt: Die Sonne hat sich durchgekämpft, wärmt uns und gibt den Blick endgültig frei! Nach einer knappen Stunde haben wir über steile Schrofen in leichter Blockkletterei unser Tagesziel erreicht und teilen uns den engen Gipfel mit fünf weiteren Bergwanderern. Die gespitzten Lippen meiner Frau erinnern mich an den fälligen Gipfelkuß. Danach Schauen ohne Ende! Die beiden Kletterer in der Ostwand der Fleischbank gegenüber haben noch eine Seillänge vor sich, dann sind auch sie am Ziel.

Wir wollen abends noch den Postbus erreichen, der uns zurück nach Walchsee bringen soll. Im Sölland, weit draußen, glitzern die Dächer von Ellmau im Sonnenlicht - da wollen, da müssen wir noch hin. Und ich ahne, daß uns heute abend die Füße qualmen werden. Über ein unangenehm zu begehendes Geröllfeld erreichen wir den Steig, der auf der Südseite hinunter zur Grutten- oder Gaudeamushütte führt. Die Hitze wird immer größer, je weiter wir absteigen. Und wer etwa denkt, nur ein Aufstieg sei anstrengend, der hat noch nie einen Abstieg über 1400 Höhenmeter erlebt! Dehydriert und ausgelaugt erreichen wir schließlich die Gaudeamushütte (1268 m), wo uns erst ein großes Stück Nußkuchen mit einer Radlermaß(!) -was für eine Mischung- wieder auf die Beine hilft. Zum Glück brauchen wir nicht mehr konzentriert gehen. So hängen wir müde und glücklich auf den restlichen fünf Kilometern unseren Gedanken nach, schlendern hinaus über die Wochenbrunneralm nach Ellmau, wo uns ein Posteilbus nach einer kurzen Wartezeit aufnimmt.

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